Meine Haltung
Manchmal scheint es so, als wären alle Ressourcen und Fähigkeiten verloren gegangen und unerreichbar. Doch auch wenn es so scheint, so sind sie doch immer gegenwärtig.
Die folgende Geschichte zeigt, wie kraftvoll innere Bilder sein können – und wie durch ihre Veränderung auch unser Blick auf die Welt sich wandeln kann.
Wandel im Stadtpark
An einem kalten Sonntagmorgen im November setzte sich eine Mutter mit ihrem Kind im Stadtpark auf eine Bank. Eine alte Frau in dickem Pelz saß bereits da und suchte die wärmenden Sonnenstrahlen. „Wollen Sie sich wirklich setzen?“, fragte sie. „Es ist kalt und ich friere beständig, obwohl ich mir einen warmen Pelz angelegt habe. Die Sonne scheint kaum, in diesem Jahr ist ohnehin alles trüb und grau. Im Park bin ich sonst nur im Sommer. Ich will nur kurz bleiben, wer hält das hier schon lange aus.“
Dem Kind gefiel das Warten nicht. „Mama, mir ist langweilig.“ „Komm, wir machen einen kleinen Rundgang. Es gibt viel zu sehen“, meinte die Mutter. „Da möchte ich gern dabei sein, wie Sie in diesem trüben Park noch was entdecken können, darf ich mitkommen?“, fragt die alte Frau. Die drei machten sich auf den Weg und zogen an den alten dunklen Bäumen vorbei, an umgegrabenen Blumenrabatten, an überfrorenen Pfützen, an bräunlichen Rasenflächen.
Die beiden Frauen gingen durch den Park, das Kind aber kam kaum hinterher. Es verweilte hier, suchte dort, lief zu den alten Bäumen, horchte und schaute verwundert hin und her: „Warum gefällt es Ihrem Kind im Winter in diesem Park? Es sind doch nur alte, kahle Bäume, sterbendes Gras und kalte Steine“, meinte die alte Frau.
„Wissen Sie“, entgegnete die Mutter, „mein Kind liebt den Sommer. Aber Liebe heißt, etwas sehen, was andere nicht entdecken können. Für mein Kind ist der Sommer nur verborgen.“
Danach war die alte Frau in der Winterszeit viel im Stadtpark. Es wurde ihr liebster Ort.
Quelle:
Wie das Krokodil zum Fliegen kam
120 Geschichten, die das Leben verändern
Lamprecht, Hammel, Hürzeler, Niedermann
Ernst Reinhardt, GmbH & Co Kg, Verlag, München
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